um was geht es?

Wir schreiben das Jahr 2011.
Der FC St. Pauli spielt in der ersten Fußball-Bundesliga.
Mal mit herzerfrischendem Offensivfußball, mal unkonzentriert und fehlerhaft, manchmal hat er Glück, manchmal Pech. Das ist Fußball und das ist gut so.
Aber der FC St. Pauli kämpft in dieser Saison nicht nur um den Klassenerhalt, um Tore und Punkte, sondern auch um seine Seele.

Die Auseinandersetzungen der letzten Monate zwischen der Fanszene und den Verantwortlichen des Vereins haben sich sehr stark mit den Aspekten einer überbordenden Kommerzialisierung beschäftigt und diese Kämpfe sind noch lange nicht beendet, es gilt sie weiterzuführen und Schritt für Schritt das Alleinstellungsmerkmal des FC St. Pauli mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten des Profifußballs abzugleichen und eigene Wege zu finden.

Doch genauso intensiv, wie wir Ansprüche an die Vermarktung unseres geliebten Clubs anlegen, genauso intensiv stellen wir diese Ansprüche auch an uns selbst.
Eine Fanszene, die Werte jenseits des Mainstreams verteidigen will, muss sich auch selber fragen, wie sehr sie diese Werte eigentlich noch lebt und verteidigt.
Beides gehört zusammen um selbstbewusst und kämpferisch sagen zu können: „Ich weiß warum ich hier stehe.“

Vor gut einem Jahr lud der Fanladen schon einmal zu einer Podiumsdiskussion in den Ballsaal der Südkurve, um diverse Meinungsverschiedenheiten innerhalb der braun-weißen Fanwelt offen anzusprechen. Natürlich konnten damals nur eventuelle Lösungsansätze umschrieben werden, da es sich um einen ständigen Prozess handelt. Auf dem Nachbereitungstreffen im letzten Sommer entstand dann die Idee, einen kompletten Spieltag dazu zu nutzen, etwaige Probleme abermals in einem großen Rahmen anzusprechen. Deshalb haben alle aktiven Gruppen der Fanszene einen Aktionstag zum Heimspiel gegen Stuttgart ausgerufen, an dem wir zeigen wollen, wie sehr wir uns selbst eigentlich noch hinterfragen. Und die zentrale Frage an diesem Tag lautet:

Warum bist du eigentlich bei St. Pauli?

Weil der FC St. Pauli…
…so kultig und anders ist?
Weil die Stimmung am Millerntor so toll ist?
Weil hier Faschisten keine Chance haben? Der Punker neben dem Banker steht?
Weil St. Pauli europaweit für seine alternative Fanszene beneidet wird?
Weil hier nicht die üblichen Fußballprolls die Kurven prägen und du dich auch als Frau wohl fühlst?
Oder weil es hier immer noch Bier gibt, welches ohne Plastik bezahlt werden kann?
Wegen all dieser Dinge? Ja!?

Dann denk mal darüber nach, warum wir so sind. Warum unser gefeierter „Jahr100Verein“ erst seit einem guten Vierteljahrhundert diesen besonderen Ruf genießt. Und wieso ein Haufen braun-weißer Fans damals aktiv wurde und anfing, einen Gegenpol zum hiesigen Fußball-Mainstream durchzusetzen, trotz aller Widerstände auch hier vor Ort. Die Leute in
den 80ern wünschten sich auch nicht viel mehr als ein sozialeres Verhalten untereinander bzw. einen respektvolleren Umgang – neben dem größtmöglichen Spaß beim Fußball gucken, versteht sich. Entgegen manch anderer Meinung schließt sich das zudem auch nicht aus. Und wir sehen das heute immer noch so. Grundsätze, wie das Bekämpfen jeglicher Art von
Diskriminierung, fanden ihren Ursprung in der aktiven Fanszene und wurden längst fest in der Stadionordnung und den Leitlinien verankert. Und ist es nicht so, dass auch du nur aufgrund dessen eines Tages mal ans Millerntor gekommen bist? Damals wie heute gilt es, diese Grundsätze zu wahren und jede_n, der/die von sich behauptet St.-Pauli-Fan zu sein, immer wieder daran zu erinnern, was das bedeutet. Greifst du mit deinen Freunden wirklich ein, wenn aus eurem Kurvenumfeld z.B. Gegenspieler rassistisch beleidigt, oder Frauen ganz offensichtlich belästigt werden? Gerade in einer Zeit, wo der Fußball immer mehr zum Massenspektakel verkommt und soziales Engagement kommerziellen Interessen weichen muss, ist es notwendig klar Stellung zu beziehen. Ansonsten wird auch unser Club eines Tages nichts anderes sein als ein weiterer stinknormaler Hamburger Fußball-Verein…
Denk also mal wieder ernsthaft nach über dein Verhalten im Stadion, über deine Wortwahl gegenüber Gästefans oder den Schiedsrichtern, über deinen unverhältnismäßigen Alkoholkonsum oder ähnliche Dinge, die mit dazu beitragen, den Mythos vom „anderen Club“ weiter zu zerstören.

Auch die Vereinsführung und die Mannschaft unterstützen uns an diesem Tag, um mit verschiedenen Mitteln und Aktionen diese Fragen an alle Fans zu richten.
Wir hoffen, dass dadurch ein Denkprozess angestoßen wird, der uns alle noch mehr zusammenführt in einem Anspruch etwas ganz Besonderes leben zu wollen am Millerntor und auswärts in den Arenen dieses Landes. Vor und nach dem Spiel, im Viertel und überall auf der Welt, wo wir als St.-Pauli-Fans leben und diesen Club lieben.

Die aktive Fanszene des FC St. Pauli